Doc SoLo hat geschrieben:Das Interessante im Buch ist in der Tat nicht die Figur Faramir für sich allein, sondern die Brüder Boromir/Faramir. Ihr charakterlicher Gegensatz untereinander und die daraus resultierende unterschiedliche Beziehung zu ihrem Vater haben mich gefangengenommen. Für mich ist gerade der Film-Faramir fade - er ist nichts weiter als eine Kopie seines Bruders. Boromir will Frodo den Ring abnehmen, da er aber im Grunde das Gute will, bereut er es noch vor seinem Tod. Faramir will Frodo den Ring abnehmen, da er aber ebenfalls das Gute will, sieht er angesichts des Nazguls ein, dass es nicht geht und bereut, Frodo verschleppt zu haben. - Duplizität der Ereignisse hoch drei - gähn!
Später sagt Denethor im Film, ihm wäre lieber, Faramir wäre tot und Boromir würde leben. Warum das denn? Einfach nur so? Wo ist denn der Unterschied zwischen Faramir und Boromir? Faramir kämpft genauso tapfer wie Boromir, macht diegleichen Fehler. Im Film fehlt jede Begründung für die Haltung des Vaters, und um Fragen danach zu unterdrücken, musste Denethor natürlich völlig eindimensional als ungerechter Arsch dargestellt werden.
Tut mir leid, aber eine Duplizität der Ereignisse liegt nicht im geringsten vor, da auch im Film - in der SEE extrem deutlich - Faramir und Boromir sehr unterschiedliche Charaktere sind. Boromir selbst ist völlig überzeugt, das richtige zu tun, wenn er den Ring an sich nimmt - Vater hin oder her, denn in der Filmfassung ist Boromir Denethor gegenüber extrem kritisch eingestellt, was sowohl in FotR als auch in der SEE von TTT wiederholt deutlich gemacht wird.
Faramir hingegen - ein Grübler ohne Gut-Böse-Denken, wie in der SEE noch viel besser herüberkommt - leidet unter der mangelnden Anerkennung durch seinen Vater und nimmt den Ring - wie schon in der Normalfassung an seinen immer wieder gequält zweifelnden Blicken deutlich wird - wider besseren Wissens an sich, um sich Denethor zu beweisen. Das sind sehr unterschiedliche Motivationen unterschiedlicher Charaktere - ohne jede Redundanz.
Und zu allem Überfluss wird auch Denethors Charakter dadurch sehr verständlich: Boromir mag ihn kritisieren, weil er Faramir herunterputzt, ist ihm aber in seinen grundsätzlichen Überzeugungen sehr ähnlich. Faramir ist das nicht, da er viel bedachter und plangerichteter vorgeht. Den Verstand längst von der drückenden Angst vor Mordor zerfressen akzeptiert Denethor keine Abweichung mehr - nicht einmal von einem seiner beiden Söhne.
Doc SoLo hat geschrieben:Ich finde, dass das sehr wohl möglich gewesen wäre. Im Buch ging die Spannung schließlich auch nicht verloren, als sich Faramir und Frodo in Ithilien trennten. Im Gegenteil, der unfreiwillige Abstecher Frodos nach Osgiliath hemmt im Film eher den Handlungsfluß da er in Bezug auf Frodos Ziel ein klarer Rückschritt ist, der sich dann auch noch als überflüssig herausstellt. Da die Film-Umsetzung der Buch-Geschichte aber ansonsten schlicht genial ist (selbst die Elben in Helms Klamm haben ihre Berechtigung, ich habe meine Meinung geändert), habe ich lange darüber nachgedacht, warum Jackson Frodo von Faramir gefangennehmen lies. Meine Erklärung ist, dass es mit dem Kampf um Osgiliath (der unverzichtbar ist) noch einen zusätzlichen Handlungsstrang gegeben hätte, in dem Frodo nicht aufgetaucht wäre. Handlungsstränge gibt es in HdR aber nun wahrlich schon genug, und Frodo musste im Film einfach mehr Zeitanteile bekommen als im Buch, da ein Film nunmal eine Hauptfigur braucht. Da lag es für Jackson nahe, die Wege Frodos und Faramirs für eine Weile zusammenzulegen und den Kampf um Osgiliath zeigen zu können, ohne Frodo aus den Augen verlieren zu müssen. Ich glaube nicht, dass Jackson Faramir als Person "interessanter" gestalten wollte.
Erst einmal finde ich die Szene im Buch ziemlich schleppend. Da wird viel geredet und eher wenig gesagt. Die einzige Funktion des Zusammentreffens für den Fortgang der Geschichte ist es scheinbar, Gandalf viel später Nachricht vom Treffen mit Frodo zu geben. Und dafür eine ganze Szene zu opfern, wäre okay, wenn man alle Zeit der Welt hat. Aber eine Filmumsetzung von TTT ist zwangsläufig überschwappend voll mit jeder Menge Zeugs, weshalb das nicht sehr günstig wäre, sich da noch etwas auf die Schultern zu laden. Obendrein nimmt es dem Ring ziemlich den Schrecken, wenn jemand einfach so mit den Schultern zuckt und der Versuchung widersteht. Sogar Aragorn hat Jackson in FotR ja einen Moment gegeben, wo er kurz davor scheint, doch einfach zuzugreifen. Deshalb hat er ja auch das im Buch nicht vorkommende letzte Treffen zwischen Frodo und Aragorn eingebaut, wo Aragorn selbst erkennt, daß er Frodo nun ziehen lassen muß, weil er ihm sonst den Ring doch früher oder später abnimmt.
Des weiteren sind Rückschritte in der Handlung ein Spannungsmoment. Findet man in jedem spannenden Film. Die Helden werden von ihrem Ziel, ihrer Rettung entfernt und in erdrückend üble Situationen gebracht. Genau das geschieht mit der Szene in Osgiliath. Da ist nichts hemmendes dran, das ist nur ein kleiner Thrill am Rande. Daß er bei Kennern des Buchs nicht wirkt, ist klar. Aber die Mehrzahl der Zuschauer hat das Buch nie gelesen, und bei dieser Mehrzahl wird das ganze seine Wirkung auch nicht verfehlen.
Daß es Walsh, Boyens und Jackson dabei ziemlich gelegen kam, zwei Stränge zeitweise zusammenlegen zu können, ist sicher richtig. Allerdings haben sie immer wieder betont, man habe vor allem den Schrecken des Rings nicht abmildern wollen, und das erscheint mir persönlich unter Adaptionsgesichtspunkten mehr als einleuchtend.
Aber über diese Dinge können wir uns natürlich bis in alle Ewigkeit den Mund fusselig diskutieren. Daß Bücher unterschiedlich interpretiert werden, ist an der Tagesordnung und erklärt ja auch die Jackson-Abweichung, die eben keinen
Fehler, sondern
seine Interpretation darstellt - wie er ja auch immer wieder richtig betont hat. Um die Unsinnigkeit des Vorwurfs, dabei etwas falsch gemacht zu haben, zu erkennen, muß man sich nur die imdb-Kommentare zu Lynchs Dune-Verfilmung ansehen, wo viele Leute sehr schön deutlich vorführen, daß sie immer noch an die Mär von der "richtigen" und der "falschen" Interpretation glauben.
Grüße von
ButtSeriously
In memoriam PC Player 1/93 - 6/2001