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Do, 23. Nov 2006, 12:12

Zu: "Killerspiele sofort verbieten!"; WELT vom 22. November
Der Artikel von Frau Lau ist ein neuer Tiefpunkt populistischer Meinungsmache; bedauerlich, daß dieser Polemik soviel Raum in Ihrer Zeitung eingeräumt wurde. Von keinerlei Sachkenntnis getrübt verbreitet Frau Lau ihr simplistisches Weltbild. Vielleicht sollten die ganzen Kritiker der Spieleindustrie überhaupt selbst einmal einen Computer oder eine Playstation in die Hand nehmen. Auffällig ist, daß die intensivsten Verurteilungen von denjenigen geäußert werden, deren Medienkompetenz man am stärksten in Zweifel ziehen möchte.

Gewiß, manche Computerspiele sind schuldig, schlechten Geschmack zu verbreiten. Nun ja, man kann das goutieren oder nicht. Gewiß, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Computerspielen und schlechten schulischen Leistungen. Anders als Herr Kriminologe Pfeiffer gehe ich aber davon aus, daß intensiven Computerspielkonsum ein Symptom sozialer Verwahrlosung sein kann, aber nicht die Ursache desselben ist.
Verwahrlosung tritt ein, wenn Eltern ihren Kindern nicht die gebotene Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken. Sie ist das Resultat von Lieblosigkeit. Es ist natürlich angenehmer, die Illusion einer heilen Welt und guter Menschen dadurch aufrechterhalten zu wollen, daß man die schrechlichen Gewalttaten an Schulen den bösen Herstellern der "Killerspiele" anhängt.


Wenn Computerspiele zur Gewaltkriminalität animieren, müßte dann das europäische Ausland nicht von viel mehr jugendlicher Gewaltdelinquenz erschüttert werden? Schließlich sind in Österreich, Holland und Dänemark Altersbeschränkungen und Verkaufverbote nahezu unbekannt. Wenn Computerspiele Gewalt verursachen, dann müßte sich das beeindruckende Wachstum in diesem Mediensegment seit Mitte der 1980er Jahre ja irgendwo in der Kriminalstatistik ablesen lassen. Das ist aber nicht der Fall.

Es scheint mir, als ob Heranwachsende im Allgemeinen besser zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können als die Hysteriker, die erkennbar sinnfrei von "Killerspielen" schwafeln. Statt ihre Vorurteile zu pflegen und auf ihre Ignoranz stolz zu sein, sollte sich Frau Lau einmal mit der Faktenlage vertraut machen. Eine Chefredaktion sollte prüfen, ob Hetzschriften mit journalistischer Verantwortung vereinbar sind. Eine Gesellschaft sollte sich sehr genau überlegen, ob sie dem Staat die Prüfung und Genehmigung von Medieninhalten überlassen will. Die Forderung nach einer staatlichen Genehmigung für Computerspiele greift in die Kunst- und Meinungsfreiheit ein. Es würde
ein Präzendenzfall geschaffen, der weitreichende Auswirkungen hätte. Was, wenn die Spiele verboten sind, und die nächste Gewalttat begangen wird? Wen sucht man sich dann als nächsten bequemen Schuldigen?
Welche Medien werden dann der staatlichen Inhaltskontrolle unterworfen? Film? Fernsehen? Bücher? Zeitungen?
Schlechter Geschmack ist schlichtweg nicht verbietbar, allein schon, weil er nicht zu definieren ist: De gustibus non esse disputandum.

Es wird Zeit, daß wir uns von der hysterischen Wallokratie in Deutschland verabschieden. Emsdetten und Erfurt sind zu schreckliche Ereignisse gewesen, als daß wir sie für billige Schnellschüsse instrumentalisieren sollten. Stattdessen müssen wir uns alle fragen, wieviel Aufmerksamkeit und Zuwendung wir unseren Mitmenschen widmen. Die Beachtung des Gebots der christlichen Nächstenliebe ist wichtiger denn je.
Robert Steinhäuser und Sebastian B. sind grausige Marksteine einer Gesellschaft, die Solidarität, Mitgefühl und familiären Zusammenhalt zersetzt. Die Gesellschaft aber - das sind WIR.
Du liest diesen Text nicht. Fnord.
 
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Do, 23. Nov 2006, 12:36

Toller Text. Bin schon gespannt, ob es da eine Reaktion drauf gibt.
CU Early
 
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mitten ins schwarze und sehr eloquent formuliert.
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Ich bin echt dankbar fuer 8 jahre PCPlayer-Abo. das GameStar Abo hab ich gekuendigt. die PCPowerplay fand ich auch nicht so richtig brauchbar. jetzt suche ich mein heil in online mags wie gamona.de, escapistmagazine.com, rockpapershotgun.com
 
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Do, 23. Nov 2006, 16:36

KylRoy hat geschrieben:
mitten ins schwarze und sehr eloquent formuliert.

Quoted for Truthery, wie es in englischsprachigen Foren so schön heißt.
_______________________________
Leland Yee, the Senator that decided that violent videogames were so dangerous to society that he needed to propose a law that banned selling them to minors, was arrested recently for weapons trafficking. He was buying shoulder-mounted rocket launchers from an extremist Islamic group and accidentally sold them to a member of the FBI. I mean, thank God he doesn't play videogames or he might have really become a threat to society.

-- Extra Credits Episode 200
 
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Do, 23. Nov 2006, 17:31

Schöner Text. Nur das Ende...

Robert Steinhäuser und Sebastian B. sind grausige Marksteine einer Gesellschaft, die Solidarität, Mitgefühl und familiären Zusammenhalt zersetzt. Die Gesellschaft aber - das sind WIR.


Deine Appelle an "die Gesellschaft" entspringen leider derselben Hilflosigkeit wie die Verbotswut unserer Politiker. Ermahnst du alle, dann ermahnst du in Wirklichkeit keinen. Es ist immer das Gleiche bei dir: die Ideale sind gut, die Analyse ist scharfsinnig, aber wenn es an die Konsequenzen geht, verlierst du dich in anonymen Moralappellen. Bei jedem Thema. Langweilig. Und nutzlos.

So richtig verändern willst du ja auch nichts, genau wie die Politiker. Soll alles hübsch so bleiben, wie es ist in deiner freiheitlichen kapitalistischen Welt. Die Leute sollen halt bitteschön einfach aufhören, sich beschissen zu verhalten. Einfach so. Ab morgen. Kann doch nicht so schwer sein.

Meister, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du akzeptierst, dass die Menschen nunmal "Scheiße" sind und gibst auf. Oder du gehst davon aus, dass die Menschen nicht grundsätzlich schlecht sind und versuchst endlich die Gründe in unserem gesellschaftlichen System zu finden, die sie zu ihrem miesen Verhalten antreiben und die gegenwärtigen Mißstände verursachen.

Bis dahin bilde dir nicht ein, dass du unseren Politikern allzuviel voraus hättest!

Ciao,

Doc SoLo
Zuletzt geändert von Doc SoLo am Do, 23. Nov 2006, 17:35, insgesamt 2-mal geändert.
 
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Do, 23. Nov 2006, 17:57

Doc SoLo hat geschrieben:
Schöner Text. Nur das Ende...

Robert Steinhäuser und Sebastian B. sind grausige Marksteine einer Gesellschaft, die Solidarität, Mitgefühl und familiären Zusammenhalt zersetzt. Die Gesellschaft aber - das sind WIR.


Deine Appelle an "die Gesellschaft" entspringen leider derselben Hilflosigkeit wie die Verbotswut unserer Politiker. Ermahnst du alle, dann ermahnst du in Wirklichkeit keinen. Es ist immer das Gleiche bei dir: die Ideale sind gut, die Analyse ist scharfsinnig, aber wenn es an die Konsequenzen geht, verlierst du dich in anonymen Moralappellen. Bei jedem Thema. Langweilig. Und nutzlos.

So richtig verändern willst du ja auch nichts, genau wie die Politiker. Soll alles hübsch so bleiben, wie es ist in deiner freiheitlichen kapitalistischen Welt. Die Leute sollen halt bitteschön einfach aufhören, sich beschissen zu verhalten. Einfach so. Ab morgen. Kann doch nicht so schwer sein.

Meister, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du akzeptierst, dass die Menschen nunmal "Scheiße" sind und gibst auf. Oder du gehst davon aus, dass die Menschen nicht grundsätzlich schlecht sind und versuchst endlich die Gründe in unserem gesellschaftlichen System zu finden, die sie zu ihrem miesen Verhalten antreiben und die gegenwärtigen Mißstände verursachen.

Bis dahin bilde dir nicht ein, dass du unseren Politikern allzuviel voraus hättest!

Ciao,

Doc SoLo


Das finde ich ja lustig. Gerade du mit deinen utopischen Gesellschaftsideen kommst plötzlich zur Erkenntnis, dass sich "die Menschen nunmal Scheiße verhalten"?
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Do, 23. Nov 2006, 19:00

Doc SoLo hat geschrieben:
Schöner Text. Nur das Ende...

Robert Steinhäuser und Sebastian B. sind grausige Marksteine einer Gesellschaft, die Solidarität, Mitgefühl und familiären Zusammenhalt zersetzt. Die Gesellschaft aber - das sind WIR.


Deine Appelle an "die Gesellschaft" entspringen leider derselben Hilflosigkeit wie die Verbotswut unserer Politiker. Ermahnst du alle, dann ermahnst du in Wirklichkeit keinen.

Dein Gegenvorschlag?
Wenn die Analyse richtig ist, daß es sich um ein Gesellschaftsversagen handelt, welches zu der menschlichen Isolation führt, aus der heraus der Persönlichkeitstyp des passiv-aggressiven Amokläufers geboren wird, dann kann sich jeder Handlungsvorschlag doch letztlich nur an alle richten. Wer ist denn verantwortlich?
Mitgefühl und Aufmerksamkeit lassen sich nicht delegieren. Sie sind nicht in der Verantwortung einer staatlichen Behörde. Wehe der Gesellschaft, die so etwas in die Hände von Behörden oder Unternehmen abgibt. Ich denke, Du bist zu intelligent, um an Patentrezepte zu glauben oder sie zu erwarten. Was also, wenn Du meine Handlungsempfehlung als zu unkonkret kritisierst, wäre denn Deiner Meinung nach die Lösung?
Letztlich sollte man nicht vergessen: Das ist ein Leserbrief, und kein Essay, oder gar ein staatsphilosophisches Traktat. Er muß sich kurz fassen, und kann letztlich auch nur eine andere Meinung wiedergeben.
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Do, 23. Nov 2006, 20:15

Early: Nix verstanden und trotzdem ein Post geschunden, was? Da zieh ich doch gleich mal nach (mit dem Post)...
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Do, 23. Nov 2006, 20:32

Hi !

Meinst Du nicht Abdiel, dass Doc sich selber zu Earlys Postings äußern könnte wenn ihn denn was störte? Warum kommt von Dir immer ein unnötiger Assist oder was das immer sein soll von der Seite? Und dann auch noch immer in so einer abwertenden Form.

Hardbern
Zuletzt geändert von Hardbern am Do, 23. Nov 2006, 20:32, insgesamt 1-mal geändert.
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Es könnte schlimmer sein.
Es ist schlimmer.
 
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Do, 23. Nov 2006, 20:38

Abwertend, weil ich mich auf die gleiche Stufe stelle? Auslegungssache würde ich sagen...
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Do, 23. Nov 2006, 22:10

Ssnake hat geschrieben:
Dein Gegenvorschlag?

Habe keinen, da ich gar nicht im eigentlichen Sinne gegen das bin, was du oben geschrieben hast.
Wenn die Analyse richtig ist, daß es sich um ein Gesellschaftsversagen handelt, welches zu der menschlichen Isolation führt, aus der heraus der Persönlichkeitstyp des passiv-aggressiven Amokläufers geboren wird, dann kann sich jeder Handlungsvorschlag doch letztlich nur an alle richten. Wer ist denn verantwortlich?

Auf keinen Fall "die Gesellschaft". Dieser Begriff steht für Menschen und die sozialen Regeln, nach denen sie zusammen leben. Die Gesellschaft ist das Ergebnis, keine beeinflußbare Variable.

Deswegen kann ich mit dem Begriff "Gesellschaftsversagen" nichts anfangen. Da man dem Mensch an sich schlecht Versagen unterstellen kann, muss es das System der Regeln sein, nach denen er mit seinesgleichen zusammenlebt, das versagt hat, wenn man mit der realen Ausprägung der Gesellschaft unzufrieden ist.

Ich denke, Du bist zu intelligent, um an Patentrezepte zu glauben oder sie zu erwarten. Was also, wenn Du meine Handlungsempfehlung als zu unkonkret kritisierst, wäre denn Deiner Meinung nach die Lösung?

Die Lösung? Einen Satz vorher unterstellst du mir noch genug Intelligenz, nicht an Patentrezepte zu glauben. Nun forderst du eines von mir.

Das steht ein bißchen für die Verlogenheit, die ich meine, bei dir entdeckt zu haben. Deswegen möchte ich auch wegen der Bürgergeldsache nicht weitermachen. Du bist nicht offen für solche Vorschläge. Du erklärst solche Ideen zu Patentrezepten, um sie einfach und routiniert niederkämpfen zu können. Du kommst mit Pragmatismus, wo es eben noch um's Prinzip ging. Du deutest den Armutsbegriff um, damit der Gegner dumm aussieht, obwohl du genau verstanden hast, was er meinte. Du bringst deine Lebensgeschichte, um deine Kompetenz zu unterstreichen, obwohl die gar nichts zur Sache tut. Du beginnst zweigleisig zu reden: Wir sind doch nicht das Jammertal der Welt - ich sage aber nicht, dass sich niemand beschweren darf...

Und das alles, weil du Angst hast, tatsächlich etwas zu ändern. Du beschreibst die Mißstände, erschrickst aber vor den Konsequenzen, die sie eigentlich erfordern. Heraus kommen dann allgemeine Moralappelle, um deren Wirkungslosigkeit du schon weißt, während du sie schreibst. Und das, obwohl du - weiß Gott - zu mehr fähig bist. Das finde ich schade.

Letztlich sollte man nicht vergessen: Das ist ein Leserbrief, und kein Essay, oder gar ein staatsphilosophisches Traktat. Er muß sich kurz fassen, und kann letztlich auch nur eine andere Meinung wiedergeben.

Ist ja richtig. Mein Einwurf war auch mehr aus dem Zusammenhang zu der Diskussion über das Bürgergeld geboren. Ich sagte ja: Schöner Text. Respekt, dass du diesen Mist tatsächlich nicht hast durchgehen lassen wie die anderen, die nur den Kopf schütteln.

Ciao,

Doc SoLo

@Hardbern: Eine andere Form als Abdiel hätte ich für meine Antwort auch nicht gefunden. Aber mittlerweile ist es mir meist die Zeit nicht mehr wert, weswegen ich versuche, einfach gar nicht zu antworten.
 
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Do, 23. Nov 2006, 22:22

Early hat geschrieben:
Das finde ich ja lustig. Gerade du mit deinen utopischen Gesellschaftsideen kommst plötzlich zur Erkenntnis, dass sich "die Menschen nunmal Scheiße verhalten"?


...das hat er nicht gesagt, das war eine der beiden optionen. :)
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Fr, 24. Nov 2006, 00:27

Doc SoLo hat geschrieben:
Ssnake hat geschrieben:
Wenn die Analyse richtig ist, daß es sich um ein Gesellschaftsversagen handelt, welches zu der menschlichen Isolation führt, aus der heraus der Persönlichkeitstyp des passiv-aggressiven Amokläufers geboren wird, dann kann sich jeder Handlungsvorschlag doch letztlich nur an alle richten. Wer ist denn verantwortlich?

Auf keinen Fall "die Gesellschaft". Dieser Begriff steht für Menschen und die sozialen Regeln, nach denen sie zusammen leben. Die Gesellschaft ist das Ergebnis, keine beeinflußbare Variable.

Naja, wir haben ja eigentlich Regeln für sowas - keine rechtsstaatlichen, so etwas kann im Rechtssystem nicht kodifiziert werden - ethische und religiöse beispielsweise. Nur scheinen wir in der Masse diese Regeln nicht gründlich genug zu befolgen. Maw.: "Menschen benehmen sich scheiße", wie Du es formuliert hast. Die Frage ist, wie benutztman den Gesellschaftsbegriff. Ich will hier keine Semantik-Diskussion vom Zaun brechen. So wie ich ihn verstehe und gebrauche ist er die Summe der Menschen und ihrer Beziehungen untereinander. Das ist nicht weit weg von Deiner Definition, nur daß ich durchaus daran glaube, daß Menschen ihr Verhalten ändern können. Wenn wir also als Einzelne, aber eben auf breiter Front, kein Interesse für unsere Mitmenschen aufbringen, dann kann man das natürlich als das Versagen vieler - oder eben als das Versagen der Gemeinschaft insgesamt, als Gesellschaftsversagen begreifen.
Ich verstehe auch nicht, wie man "dem Menschen an sich" Versagen "nicht unterstellen kann". Warum nicht? Die Mitschüler, die einen Klassenkameraden hänseln und ausgrenzen, haben versagt, was ethische und religiöse Normen angeht. Die Lehrer haben versagt, was ihre Pflichten zur Beobachtung und Erziehung der Ihnen anvertrauten Schüler betrifft. Die Eltern und Freunde haben versagt, weil sie die Zeichen nicht zu deuten gewußt haben. Journalisten und Psychologen haben vielleicht nicht alles getan, was möglich gewesen wäre, um die Gesellschaft über die weite Verbreitung von Depressionen und ihrer klassischen Symptome aufzuklären. Wie freundlich und offen bin ich zu Leuten, die mir spontan unsympathisch sind, obwohl sie mir objektiv nichts getan haben?
Ist ja mal klar, wer mit einem Finger auf andere zeigt, zeigt mit drei Fingern auf sich selbst. Insofern muß sich auch jeder von uns die Frage stellen, ob er sich nicht noch ein bißchen mehr um Freunde, Bekannte, Nachbarn kümmern sollte und könnte. Ob ein bißchen mehr Höflichkeit im allgemeinen Umgang nicht machbar wäre.

Das steht ein bißchen für die Verlogenheit, die ich meine, bei dir entdeckt zu haben. Deswegen möchte ich auch wegen der Bürgergeldsache nicht weitermachen. Du bist nicht offen für solche Vorschläge. Du erklärst solche Ideen zu Patentrezepten, um sie einfach und routiniert niederkämpfen zu können.


Hm.
Ich habe ja durchaus zugegeben, daß ich mich anfangs geirrt habe. Dann habe ich darüber nachgedacht, und habe diejenigen Punkte aufgeführt, auf die ich im Zuge des Nachdenkens gestoßen bin. Ich finde nicht, daß ich mir die Finger in die Ohren stecke und "Lalalala!" singe.

Du kommst mit Pragmatismus, wo es eben noch um's Prinzip ging.

Schön, Du hast gewonnen: Das Prinzip ist prima.
Das Prinzip des Kommunismus ist auch prima.
Beide scheitern an praktischen Problemen. Es tut mir leid, wenn sich die Welt weigert, den schönen Prinzipien zu gehorchen, deswegen kann man doch nicht die Bedingungen der realen Welt ignorieren, wenn es um konkrete politische Forderungen geht. Es ist doch so, daß derjenige, der etwas ändern will, letztlich in der Beweispflicht steht, daß sein Vorschlag es wert ist und praktikabel ist. Ich anerkenne, daß das Leben in Deutschland so seine Macken hat, aber alles in allem finde ich es hier durchaus schön und lebenswert. Das muß man doch mal sagen dürfen.
Ich teile Deinen und Kylroys Grundpessimismus nicht, ja, ich empfinde einige Teilaspekte direkt als abstoßend Weinerlichkeit. Statt Ärmel hochzukrempeln und was zu tun wird lieber geklagt, daß man nicht genug vom Staat bekommt und überhaupt alles unfair ist und man gar nichts machen kann. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, wenn ich die praktischen Erfahrungen meines bisherigen Lebens als praktischen Gegenentwurf vorstelle. Ich weiß, daß das nicht auf jedermann übertragbar ist. Ich habe auch begriffen, daß ich Glück gehabt habe, und es nicht alles meiner überragenden Persönlichkeit und meinem gewinnenden Wesen zu verdanken habe. Soll ich deswegen zu Kreuze kriechen? Soll ich bedauern, Glück gehabt zu haben?
Denn andererseits war es ja nicht alles Glück, sondern eben auch viel harte Arbeit. Wenn ich heute die Hälfte von dem Geld hätte, das ich habe, wäre ich immer noch zufrieden. Ich arbeite lang und viel, und ich versuche, mich so gut es geht um meine Freunde und Bekannten zu kümmern. Ich kann mich nicht um jeden auf der Welt kümmern, aber ich versuche es wenigstens in meinem Umkreis und auch in einem Forum wie diesem hier, um der grassierenden Depression entgegenzutreten.

Wir haben alle die Wahl, jeden Tag, etwas zu tun oder es sein zu lassen und Defizite zu beklagen. Man kann über verschüttete Milch jammern, oder sie aufwischen. Ich bin dafür, Verluste abzuschreiben und zu schauen, wo Ersatz herkommt, statt über verpaßte Chancen zu trauern. Das Leben ist zu kurz, um es mit Jammern zu vertun.
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@Doc: Wenn Du den Attentäter von Emstetten als Beispiel heranziehst übersiehst Du bei ihm einen grundlegenden Punkt: Er war einfach absolut nicht in der Lage sich wenigstens bis zu einem gewissen Maß seiner Umwelt - also der Gesellschaft in der er lebte - anzupassen. Er hielt seine Maxime der Freiheit für das Maß aller Dinge. Das kann aber in einer Gesellschaft die aus mehr als einer Person besteht einfach nicht funktionieren. Eine Gesellschaft braucht gewisse Regeln und die Bereitschaft jedes einzelnen sich im großen und ganzen diesen Regeln anzupassen. Wer das nicht kann oder nicht will wird sich selbst aus dieser Gesellschaft ausgrenzen, und genau das ist hier passiert. Natürlich ist Sebastian B. daran nicht alleine schuld, sein Umfeld hätte da etwas bemerken müssen und entsprechend handeln, wenn ich seinen Bloq lese frage ich mich allerdings ob es nicht vielleicht sogar ein solches handeln gegeben hat und er es ignoriert oder gebotene Hilfe nicht angenommen hat.
Ich denke SB wäre in jedem Gesellschaftssystem der Außenseiter gewesen. Er lebte in einer der freiesten Gesellschaften die es je gegeben hat und fühlte sich trotzdem in seiner Freiheit eingeschränkt.

Für Dich ist alles was in unserem Land schlecht läuft ein Fehler im System, ich sehe den Fehler eher bei einzelnen oder Gruppen die sich nicht mit diesem System abfinden können oder die das System nur zu ihren Gunsten nutzen. Das wäre aber in jedem System so weil ein "perfektes" System das dies ausschließt kann es nicht geben weil es auch keine perfekten Menschen gibt.
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Nun ja, Blog- und Forenkommentare können persönliche Kontakte nicht ausgleichen. Ja, es hat dort Leute gegeben, die zu helfen versucht haben; das war gut, aber nicht hinreichend. Insofern würde ich Sebastian B. aus diesem Beispiel keinen Vorwurf machen, gebotene Hilfe nicht angenommen zu haben.
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